31.07.2012

Mutter von vier Kindern erhält zweites Leben

OSTFILDERN: Dramatische Rettung mit zweistündiger Wiederbelebung - Rauchen als klare Ursache

   
Gerade noch einmal gut gegangen: Chefarzt Christian Herdeg warnt Infarktpatientin Michaela Kreutzmann eindringlich, nie mehr zu rauchen. Schon eine Zigarette könne ihr gefährlich werden. Foto: Bulgrin
 Von Roland Kurz
Rauchen will Michaela Kreutzmann nie mehr. Ein Herzinfarkt mit 34 und zwei Stunden Wiederbelebung, das war für die Mutter von vier Kindern im Alter von 10, 12, 13 und 15 Jahren ein überdeutlicher Warnschuss. „Das wird nicht mehr passieren“, versichert sie dem Chefarzt der Kardiologie am Ruiter Paracelsus-Krankenhaus. Professor Christian Herdeg runzelt die Stirn und meint: „Ich rieche noch Rauch.“ Ehemann Walter Kreutzmann gesteht, vor der Sprechstunde eine gepafft zu haben. Der Mann erhält einen kleinen Vortrag übers Passivrauchen. Das Rauchverbot in öffentlichen Räumen, das im lockeren Italien verhängt wurde, habe die Infarktrate viel stärker sinken lassen als man erwartet habe, mahnt Herdeg. Weil von zehn Rauchern, die es aufgeben wollen, es nur einer wirklich schafft, weist der Arzt auf die Entwöhnkurse der Krankenkassen hin.

Retter verstehen ihr Handwerk
Die Ursache für den Infarkt der 34-Jährigen steht für den Kardiologen fest. Sie habe an sich glatte Herzgefäße, aber an einer wichtigen Stelle sei die Innenhaut eingerissen, worauf sich ein Blutpfropf gebildet habe. Als Folge ist die junge Frau quasi tot zusammengebrochen. „Das war wirklich dramatisch“, schildert ihr Mann. Seine Frau habe über Sodbrennen geklagt und sich dann hingelegt, während er am Computer weiter gearbeitet habe. Plötzlich habe sie gestöhnt und einen Krampf bekommen. Walter Kreutzmann setzte einen Notruf ab, kaum fünf Minuten später stand der Rettungsdienst in der Wohnung in Heumaden. Seine Frau sei den Sanitätern noch entgegen gegangen und dann zusammengebrochen, erzählt der Ehemann.

Rettungsdienst und Notarzt hätten ihr Handwerk verstanden, lobt Chefarzt Herdeg. Um die tödliche Herzrhythmusstörung zu durchbrechen, setzten sie den Defibrillator ein. Als die Stromstöße keinen dauerhaften Erfolg brachten, begannen die Helfer mit der Herzdruckmassage. Das Brustbein brach dabei, aber das Gehirn war mit Sauerstoff versorgt. Auf der Fahrt ins Paracelsus-Krankenhaus sorgte der Notarzt für eine Lysebehandlung, die das Blut ungerinnbar macht und etwaige Gerinnsel in Herz oder Lunge auflösen soll. Parallel dazu wurde die Wiederbelebung fortgesetzt.

Im Krankenhaus wurde das Herz der Patientin erst per Ultraschall untersucht, dann im Herzkatheterlabor. Der Blick über Kathetersonde bestätigte: Ein schwerer Infarkt, die linke Herzkranzarterie war direkt an ihrem Abgang verschlossen. Über die Sonde öffnete der Arzt das Gefäß und setzte einen Stent ein. Keine fünf Minuten dauerte dieser Eingriff, der den Kreislauf sofort stabilisierte. Der nächste Schritt war, die Körpertemperatur auf 32 Grad herunter zu kühlen, damit sich die Organe besser erholen können.

„Eins nach dem anderen hat funktioniert“, ist Herdeg stolz auf sein Team und die gesamte Hilfekette. Trotz miserabler Ausgangslage habe man das Leben der 34-jährigen Frau retten können. „Dennoch habe ich mir große Sorgen gemacht, ob das Gehirn durch die lange Wiederbelebung nicht dauerhaften Schaden nehmen würde.“ Herdeg wird ein Bild im Gedächtnis haften bleiben: Wie er an diesem Maitag aus dem Herzkatheterlabor kam und der Vater mit drei angstvollen Kindern vor der Tür stand. Daneben ein Kleidersack, oben drauf eine Zigarettenschachtel.

Die Erinnerung fehlt
Er wisse nicht, ob die Mama da wieder gesund rauskommt, habe er seinen Kindern damals gesagt, erinnert sich Walter Kreutzmann. Nachts hätten die Kinder Alpträume gehabt. Ihn selbst lassen die Bilder nicht los, als seine Frau wiederbelebt wurde. Ihr fehlt dagegen der Tag des Herzinfarkts komplett im Gedächtnis. Direkt nach der Kältebehandlung wachte die Frau mit den vier am Unterarm eintätowierten Schnullern auf und erkannte ihre Familie wieder.

Die paar Tage, die Michaela Kreutzmann inzwischen zuhause war, hingen die Kinder wie Kletten an ihr. Jetzt befindet sich die 34-Jährige in einer Rehabilitationsklinik am Bodensee. Zu den Zeiten, an denen sie 25 bis 30 Zigaretten am Tag rauchte, will sie nicht mehr zurück. „Das will ich nicht mehr riskieren.“

Quelle: Esslinger Zeitung 14./15.7.2012-Autor: Roland Kurz